Er wolle die Zeit hinter dem „Eisernen Vorhang“ nicht verharmlosen, meinte Pilsens Bezirkshauptmann Josef Bernard am Samstag, dem geschichtsträchtigen 9. November 2019. Dennoch konnte er nicht umhin, als die Feierlichkeiten rund um das Grenzöffnungsjubiläum in Bayerisch Eisenstein mit einem Witz zu beginnen:

„Vor 30 Jahren stand ein Bus am Pilsener Hauptbahnhof. Der Busfahrer schrie: ‚Die letzten zwei Fahrkarten nach Westdeutschland! Die letzten zwei Fahrkarten nach Westdeutschland!‘ Es kam ein Herr und fragte: ‚Ja, und wann fährt der Bus zurück?‘ Da antwortete der Busfahrer: ‚Blödmänner wie Sie nehmen wir gar nicht wieder mit!“

Die mit politischen Ehrengästen aus Bayern und Böhmen volle Bühne – unter ihnen Europaparlamentsmitglied Manfred Weber, Tschechiens Ministerin für regionale Entwicklung, Klára Dostálová, zahlreiche Landtags- und Bezirkstagmitglieder, Kreisräte und Bürgermeister – bog sich vor Lachen. „Wer die Geschichte nicht kennt“, nahm Niederbayerns Regierungspräsident Rainer Haselbeck dann die Pointe auf, „der wüsste mit Ihrem Witz überhaupt nichts anfangen, – schließlich treffen wir Deutschen und Tschechen uns heute ganz zwanglos, arbeiten zusammen und kehren jeweils wieder in eine blühende Nation zurück.“

Ihren Anfang hatte die Gedenkfeier „30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs“ mit zwei Sonderzügen aus Plattling und Pilsen genommen, die um 10:13 Uhr und um 10:30 Uhr am einstmals geteilten Grenzbahnhof Bayerisch Eisenstein eintrafen. Ihnen entströmten hunderte von Gästen mit gelben (Tschechien) und weißen (Bayern) Käppis, Grenzer in tschechoslowakischer Uniform, Volksmusiker sowie die beiden Wappenlöwen Václav und Leopold. Nach den Grußworten im Festbereich Alžbětín reichten die Besucher einander entlang des Bahnhofsareals die Hände: „Diese Menschenkette steht symbolisch für eine Verflechtungsregion, die den Eisernen Vorgang überwunden hat“, erklärte Herbert Unnasch, Chef der ARBERLAND REGio GmbH. Das „Sekretariat für grenzüberschreitendes Netzwerkmanagement im Themenbereich Kultur und Tourismus“ unter dem Dach der Kreisentwicklungsgesellschaft hatte die Veranstaltung zusammen mit dem Kreis Pilsen und der Euregio-Bayerischer Wald-Šumava ausgerichtet.

Trotz Temperaturen knapp über Null und Nieselregen hätte die Stimmung nicht sonniger sein können. Für warme Hände und einen warmen Bauch sorgten die tschechischen Gastgeber dann mit Grillfleisch, Langoš, Reibekuchen und vielen weiteren landestypischen Spezialitäten. Seinen berühmten Früchtepunsch bot das Zwieseler „Kulinarische Schaufenster“ an. Für den besonderen Anlass geöffnet hatten darüber hinaus sämtliche Lokalitäten um den Grenzbahnhof. Kunst- und Kulturinteressierte kamen in den Naturparkwelten und der Galerie Kunsträume auf ihre Kosten und heimische Qualitätserzeugnisse – Deko-Objekte aus Metall, Holz und Filz, Schnitzkunst, bestickte Taschen, handgeschriebene Karten, Naturseifen und Badezusätze – wurden im Rahmen eines kleinen Handwerksmarktes präsentiert.

Für die musikalische Untermalung zeichneten sich die beiden Blaskapellen Bayerisch Eisensteins und Frauenaus, das Regener Bläser-Ensemble von Andreas Kroner, die tschechischen Gruppen „Obšuka“ und „Duo Koptik“ sowie die gemischten Chöre des Kindergartens Bayerisch Eisenstein und Železná Rudas verantwortlich. Bereits während der Fahrt spielten Manfred Pflügl, Birgit Hirtreiter und die Geschwister Süß den bayerischen Gästen mit zünftiger Musik auf.

„Manfred Weber hat in seiner Rede von den neuen Herausforderungen eines vereinten Europas gesprochen“, rekapitulierte Unnasch. „Wenn wir das Interesse an diesem Tag auf beiden Seiten der Grenze als Gradmesser sehen, dann können wir diesen Herausforderungen gemeinsam zuversichtlich entgegentreten.“